Entwicklung von Nutzungsdauer und Abgangsursachen von Milchkühen in NRW unter Berücksichtigung von Erstkalbealter, Herdengröße und Managementfaktoren

Handlungsfelder

  • Nutzungsdauer bei Milchkühen
  • Abgangsursachen

Aktualisierung zur Buchversion (Stand 25.11.2019)

Im Rahmen der allgemeinen Diskussion zur Ethik der Nutztierhaltung werden hohe Laktationsleistungen bei Milchkühen von der Gesellschaft eher kritisch gesehen. Es wird postuliert, dass hohe Milchleistungen und große Herden zwangsläufig zu Lasten der Tiergesundheit gehen und die produktive Zeit der Kühe verkürzen. Dies wird auch als betriebswirtschaftlich problematisch gesehen, da durch eine kurze Nutzungsdauer – angegeben werden im Schnitt 2,7 Laktationen – die Kühe vor Erreichen ihrer maximalen Milchleistung, nach derzeitigem Kenntnisstand in der fünften Laktation, den Betrieb bereits wieder verlassen. Um nähere Informationen zum aktuellen Stand der Leistung von Milchkühen in NRW zu erhalten, wurden Daten von ca. 2,6 Mio. Milchkühen mit Kalbungen in NRW und 550.000 gemerzter Kühen aus den Jahren 2005 bis 2015 ausgewertet. Dabei interessierte auch die Milchleistung in Abhängigkeit von der Laktationsnummer und vom Erstkalbealter sowie Parameter der Fruchtbarkeit und der Gesundheit, insbesondere des Euters, des Fundaments bzw. der Gliedmaßen. Der Einfluss des Managementniveaus wurde anhand der Laktationsleistung der Herden und anhand eines Vergleichs dieser phänotypischen Milchleistung mit der aufgrund des genetischen Niveaus (Relativzuchtwert Milch, RZM) erwarteten Leistung charakterisiert. Außerdem wurde überprüft, ob und in welcher Weise die Betriebsgröße sich auf die untersuchten Leistungs-, Fruchtbarkeits- oder Gesundheitsparameter auswirkt. Ziel der Studie war es, anhand der statistischen Analysen umfangreichen Datenmaterials aus Milchviehbetrieben in NRW Fakten zu liefern, die geeignet sind, zur Versachlichung der Diskussion aktuelle Entwicklungen in der Milchproduktion beizutragen.

Die Auswertung von Daten aus der Milchleistungsprüfung von Kühen aus NRW zeigt, dass die Wahrnehmung der Gesellschaft zur produktiven Lebenslänge von Kühen nicht der Realität entspricht. Trotz steigender Milchleistungen ist die Nutzungsdauer in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gestiegen. Dies entspricht früheren Auswertungen von Reents und Rensing (2009) und Swalve (2012). Negative Auswirkungen auf die produktive Lebenslänge haben ein frühes EKA und große Betriebe (> 150 Kühe), positive ein gutes Management. Betriebe mit einem hohen Anteil Kühe, deren Laktationsleistung höher ist als der Zuchtwert erwarten lässt, haben eine um drei Monate längere produktive Lebenslänge. Der Effekt der Betriebsgröße ist dagegen weniger stark ausgeprägt.

Die Abgangsraten schwanken allerdings zwischen Jahren erheblich. Bei der Bewertung der Höhe der Abgangsraten ist zu berücksichtigen, dass aktuell nicht zwischen freiwilliger und unfreiwilliger Merzung differenziert wird. Derzeit ist nicht bekannt, wie hoch der Anteil der Kühe ist, die nicht aus zwingenden gesundheitlichen, sondern aus betriebswirtschaftlichen Erwägungen die produktive Herde verlassen. Die Gründe hierfür können vielfältig sein: Erwartung eines Leistungsfortschritts durch junge Färsen, Tiere nicht an neue Haltungsfaktoren (Melksystem, neuer Stall) angepasst, Reduzierung der Milchproduktion aufgrund staatlicher Maßnahmen, Aufgabe des Betriebszweigs Milchproduktion, etc. Zur besseren Erfassung des Gesundheitsstatus auf den Betrieben sollte daher eine Kategorie „betriebswirtschaftlich begründeter Abgang“ eingeführt werden.

Abgangsalter der Kühe und Anzahl abgeschlossener Laktationen differieren zum Teil erheblich von der produktiven Lebenslänge und sind daher zur Beurteilung der Länge des Verbleibs in der produktiven Herde nicht geeignet.

Die Abgangsursachen haben sich im betrachteten Zeitraum nicht wesentlich geändert. Fruchtbarkeitsprobleme sind mit ca. 35 % nach wie vor die Hauptabgangsursache, gefolgt von Eutererkrankungen und Gliedmaßen- bzw. Klauenproblemen. Herdengröße, Betriebsleistungsklasse und Managementniveau haben keinen Einfluss die Verteilung der Abgangsursachen. Allerdings sind die Zwischenkalbezeiten als Maßstab für die Herdenfruchtbarkeit in kleinen und in extensiver gemanagten Betrieben länger. Die durchschnittliche Herdenleistung wirkte sich hier nicht aus, hohe Milchleistungen stehen also offenbar einer guten Fruchtbarkeit nicht im Wege. Problematisch ist die hohe Abgangsrate in der Erstlaktation, die auch von anderen Autoren bereits beschrieben wurde (Römer 2011). Eine Ursache könnte in der hohen Totgeburtenrate liegen.

Fazit

Entgegen der postulierten Meinung steigt die produktive Lebenslänge von Kühen in NRW ebenso an wie die Anzahl der Laktationen der abgehenden Kühe. Die Nutzungsdauer wird von der Betriebsgröße und einem frühen Erstkalbealter negativ beeinflusst, nicht aber von der Laktationsleistung des Betriebes. Den größten Effekt auf die Nutzungsdauer hat das Managementniveau.

Die höchste Milchleistung ist entgegen bisherigen Annahmen in der dritten Laktation zu verzeichnen (Tab.4). Das Ende der dritten Laktation wird jedoch nur von einem Drittel der Kühe erreicht. Ein Ansatzpunkt zur Verbesserung der produktiven Lebenslänge ist in der hohen Abgangsrate in der ersten Laktation.

Bearbeitungszeitraum

2016-2017

Weiterführender Internetlink

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